Clever-News

Ein Gentleman unter den Fussball-Lehrern

Ottmar Hitzfeld blieb sich auch am letzten und vielleicht härtesten Tag seiner Karriere treu. Niemand weiss, wie andere Trainer reagiert hätten, wenn am Morgen des ersten K.o.-Spiels bei einer WM der Tod des eigenen Bruders öffentlich wird und dieses wichtige Spiel gegen Argentinien dann auch noch durch ein Tor in der vorletzten Minute der Verlängerung verloren geht. Ottmar Hitzfeld richtete sich die Krawatte und ging auf den Rasen, um seinen niedergeschlagenen Spielern die Hand zu reichen. Er kämpfte kurz mit den Tränen. Ein paar Minuten später gratulierte er dem Gegner. Noch wenige Tage zuvor hatte der Verbands-Präsident Peter Gilliéron erklärt, Hitzfeld noch nie so konzentriert erlebt zu haben wie bei dieser WM. In seinem letzten Spiel als Trainer entwarf der Fünfundsechzigjährige noch einmal eine Strategie, die Argentiniens Superstar Lionel Messi für fast 120 Minuten aus dem Spiel nahm. Innerhalb von nur zehn Tagen gab er einer Mannschaft, die beim 2:5 gegen Frankreich noch sorglos und naiv agiert hatte, eine neue Struktur.
Sein Leistungsausweis spricht für sich: Der studierte Mathematik- und Sportlehrer feierte im Klubfussball riesige Erfolge. Hitzfeld hat mit Bayern München und Borussia Dortmund die Champions League gewonnen, er ist siebenmal deutscher und zweimal Schweizer Meister geworden mit seinen Clubs. Aber wenn man sich später irgendwann an diese titelgesäumte Karriere erinnern wird, dürfte einem als erstes nicht etwa eine besonders innovative Spielidee einfallen oder ein ganz spezieller Erfolg. Sondern genau diese Selbstdisziplin, dieser Respekt vor dem Gegner und ganz besonders vor dem eigenen Team. Der Schweiz war Hitzfeld immer verbunden. Ob als kleiner Junge die Länderspiele der Nati besuchend, oder später seine Trainer-Karriere bei Zug, Aarau und GC lancierend: Der 1949 in Lörrach (De) geborene Hitzfeld hatte immer eine spezielle Beziehung zur Schweiz. So überraschte es nicht wirklich, als Hitzfeld 2008 die Nati übernahm und sagte, es werde seine letzte Station als Trainer werden. In diesen sechs Jahren erreichte Hitzfeld in 61 Spielen 30 Siege.
„Es ist das letzte Bild, das bleibt“, sagte der ewig nüchterne Ergebnis-Coach vor dem Turnier. Er wollte nach dem Vorrunden-Aus bei der WM 2010 und dem Verpassen der EM 2012 noch etwas Zählbares erreichen neben dem Aufbau einer neuen, um Talente wie Xherdan Shaqiri, Ricardo Rodriguez oder Granit Xhaka geformten Elf. Das letzte Bild bei dieser WM sah so aus: In der 119. Minute schiesst Angel di Maria das 1:0 für Argentinien. In der 120. Minute trifft Blerim Dzemaili zunächst den Pfosten, von seinem Knie aus prallt der Ball danach aus zwei Metern neben das Tor. Eine Trainerkarriere, die 1983 im kleinen Stadion Herti Allmend des SC Zug begann, endete vor mehr als 63.000 fassungslosen Zuschauern in der WM-Arena von São Paulo. „In den letzten drei Minuten hat man noch einmal alles erlebt, was in einem Trainerleben möglich ist“, sagte Hitzfeld. Er sei stolz auf seine Laufbahn. Dann stand er auf und ging.

Switzerland v Germany - International Friendly

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: